Am Geburtstag isoliert: Über das Geburtstagsgefühl und die Bestätigung von außen

Worauf legst du an deinem Geburtstag wert? Darüber hatte ich bis zu meiner Reise in Nicaragua noch nie wirklich nachgedacht. Doch als ich es tat, erkannte ich etwas, das meine Einstellung zur Außenwelt veränderte, indem ich mir eine wichtige Frage stellte: Was verursacht, dass ich mich als ein Geburtstagskind fühle?

Ich wusste, dass ich an meinem Geburtstag Ende März in Nicaragua auf Reisen sein würde und ich war vorher schon gespannt, wie ich ihn verbringen würde. Es war nicht das erste Mal, dass ich an meinem Geburtstag im Ausland war und ich dachte darüber nach, wie diese vorherigen Geburtstage gewesen waren.

Bisherige Geburtstage im Ausland

Einmal lebte ich in Sevilla und es war zur Zeiten der Semana Santa (Osterwoche) als ich aufwachte und ich ab dann 20 Jahre alt war. Gleich am Morgen skypte ich mit meiner Familie und lief mittags dann durch den schönen Park Maria Luisa, wobei ich mich sogar etwas einsam fühlte. Denn meine Freunde in Sevilla mussten zu dem Zeitpunkt arbeiten oder waren in der Uni. Dabei hätte ich gerne Gesellschaft gehabt.

Nachmittags traf ich jedoch zwei Freundinnen und wir gingen Churros (typisches spanisches Gebäck) essen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich sie probierte. Danach sahen wir uns einen Paso (Umzug der Spanier in speziellen Trachten und einen Altar tragend) an, gingen Pizza essen und nachts gab es in meiner WG eine Hausparty. Es war also ein abwechslungsreicher Tag.

Ein anderes Mal lebte ich in Valencia, wo ich vor meinem Geburtstag eine Woche total krank gewesen war. An meinem Geburtstag war der erste Tag, an dem ich wieder das Haus verlassen konnte. Meine Mutter war zu Besuch gekommen, wir machten Sightseeing und gingen abends mit Freunden essen. Also alles gut.

Beide Geburtstage waren schön und besonders, allein weil ich woanders war. Aber immer hatte  ich Menschen um mich, ich konnte mich also mit anderen Menschen verbinden und austauschen. Das war mir sehr wichtig.

Der Geburtstag in Nicaragua

Dann kam jedoch der Geburtstag in Nicaragua.

Für meinen Geburtstag in Nicaragua überlegte ich noch in Deutschland, etwas Cooles zu machen, etwas Außergewöhnliches. An meinem Geburtstag ließ ich mir früher nämlich auch gerne mal ein Ohrloch oder ein Tattoo stechen.

In Nicaragua konnte ich letzten Endes jedoch nicht besonders viel tun, aber außergewöhnlich war er dennoch.

Ich verbrachte ihn nämlich auf einer Solentiname Insel, über die ich schon berichtet habe. Und was bedeutete das?

Dass ich meinen Geburtstag in einem Paradies verbrachte, zwischen Hibiskusbüschen, Palmen, Mangobäumen und exotischen Vögeln. Aber auch sehr isoliert, weil die Insel so klein war und es fast nichts auf ihr gab. Auch kein WLAN.

Und so startete der Tag recht unspektakulär, aber entspannt. Ich chillte morgens in einer Hängematte am See und genoss den gegenwärtigen Moment, als der Hostelbesitzer vorbeikam. Er grüßte mich freundlich. Ich sagte, dass heute ein schöner Tag sei, was er bejahte.

Ich überlegte dann noch, ob ich ihm erzählen sollte, dass mein Geburtstag ist.

Aber etwas hielt mich zurück, worüber ich später nachdenken würde. Als er kurz darauf wieder an mir vorbeilief, blieb er stehen und fragte, woher wir eigentlich kommen und erzählte mir daraufhin, dass er vor 30 Jahre auch schon mal in Deutschland gewesen war, es ihm aber zu kalt gewesen war. Das konnte ich sehr nachvollziehen.

Als er davonging, dachte ich nach. Es war nett, dass er mit mir gesprochen hatte, sonst hatte er sich immer nur mit meiner Freundin unterhalten (er hatte wahrscheinlich voher gedacht, dass ich kein Spanisch kann).

Warum aber hatte ich ihm mitteilen wollen, dass mein Geburtstag ist? Er kannte nicht einmal meinen Namen und ich seinen auch nicht. Wollte ich Aufmerksamkeit? Wollte ich zum Ausdruck bringen, dass heute ein besonderer Tag für mich war? Inwieweit würde das einen freundlichen Fremden interessieren?

Mir passiert es schnell, dass ich über Dinge nachdenke und anfange zu philosophieren.

Meine Lektion

So philosophierte ich bald darauf weiter, als mein Datenvolumen und Guthaben meines Handys leer war und ich keine Nachrichten und Anrufe mehr empfangen konnte. Denn ich fühlte mich seltsam. Irgendwie so leer, als würde etwas fehlen. Etwas nicht Greifbares. Ich konnte keine Glückwünsche mehr empfangen und niemand aus meiner Umgebung wusste, dass es mein Geburtstag war, außer meinen zwei Freundinnen. Einen Geburtstagskuchen oder ähnliches bekam ich auch nicht, weil es auf dieser Insel keinen Supermarkt gab. Und mir schien es irgendwie zu fehlen, die Bestätigung von außen zu bekommen. Glückwünsche von Menschen zu bekommen. Fühlte ich mich an meinem Geburtstag also nur wie ein Geburtstagskind, wenn mich auch Glückwünsche erreichten? Anscheinend ja. Zum Teil zumindest.

Irgendwie fand ich das letzten Endes nicht so gut, jetzt nachdem mir das bewusst geworden war, und ich nutzte meine Isolation somit als eine Lektion, die ich lernen wollte:

Ich bin so besonders, wie ich es mir zugestehe. Wie ich es selbst fühlen kann. Es muss nichts mit anderen zu tun haben. Denn wenn doch, mache ich mich nur abhängig von der Außenwelt. Und das muss ja nicht sein.

Diese “Lektion” oder Einsicht habe ich mit der Zeit auch auf andere Gefühle und Bereiche übertragen. Z.B. auf den Selbstwert. Oder die Laune allgemein, die bei hochsensiblen Menschen mal schnell von anderen Menschen abhängig sein kann bei mangelnder Abgrenzung.

Zurück zu meinem Geburtstag. Nachdem ich mich entschied, die Bestätigung und Rückmeldung von außen nicht zu brauchen, hatte ich wirklich einen schönen Tag. Wir gingen wandern, ich war viel in der Natur und ich sah abends einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Klar, ich vermisste meine Familie und engsten Freunde trotzdem ein wenig, aber meine Unerreichbarkeit fand ich letzten Endes ganz entspannt, denn ich war mit meiner Aufmerksamkeit mehr im gegenwärtigen Moment.

Nach dem Abendessen ließen wir den Tag schließlich noch mit einem Bier auf dem Bootssteg in der Dunkelheit, durch die wir einen traumhaften Sternenhimmel wahrnehmen konnten, ausklingen.

Und so war es ein einzigartiger, außergewöhnlicher und wahrscheinlich ruhigste Geburtstag, aber ich fand ihn wunderschön so. Und das, obwohl ich ganz so isoliert war. (Die Glückwünsche erhielt ich natürlich dennoch, nur konnte ich sie an jenem Tag nicht wahrnehmen.)

 

Was war dein außergewöhnlichster Geburtstag und warum?

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