El Castillo in Nicaragua – Ein Dorf mit zwei Seiten

Ein Haus am Wasser und eine Burg auf dem Huegel

Ein Bericht über meinen Aufenthalt in El Castillo, dem kleinen Dorf am Fluss San Juan in Nicaragua und darüber, in einem Restaurant zu essen, das irgendwie nicht zu seiner Umgebung passt, und in einer dunklen Bar dem einheimischen Nachtleben näher zu kommen.

Als wir mit einem Boot (“lancha“) aus der Stadt San Carlos in El Castillo ankamen, begrüßte uns eine am Fluss gelegene Straße voll von Hotels, Restaurants, Shops und Tour-Angeboten. Wir erkannten also sofort, dass es sich hier um einen Touristenort handelte. Wir liefen eine Weile umher, um uns eine geeignete Unterkunft zu suchen und landeten in dem Hotel Tropical. Danach machten wir uns gleich auf, die Stadt zu erkunden, wobei wir so ziemlich die einzigen unterwegs waren, denn es war mittags und heiß. Die Einheimischen saßen in ihren dunklen Häusern und aßen und ruhten.

Eine leere Strasse

Mein erster Eindruck war, dass El Castillo ein winziges Dorf mit nur ein paar Straßen sein muss. Denn als wir die Hauptstraße entlang gingen, an der wir auch mit dem Boot angekommen waren, landeten wir am Ende vor einem “Militär-Sektor” und kehrten daher lieber um. Auch in die andere Richtung ging es irgendwann nicht weiter. Dort befand sich nur ein schönes, aber teures Hotel.

Erst als wir zwei Tage später nach einer Dschungeltour nach El Castillo zurückkehrten, lernte ich mehr des Dorfes kennen.

Unterwegs im Dorf

Es war Sonntag und wir hatten eigentlich die Öffnungszeiten der Burg (span. el castillo) verpasst, die dem Dorf seinen Namen gegeben hatte. Der Wächter ließ uns jedoch freundlicherweise noch hinein und so befanden wir uns bald auf dem Hügel, der sich vom Rest des Dorfes abhob. Von dort bot sich uns eine tolle Aussicht über das Dorf und den Fluss und wir stellten fest, dass das Dorf ja doch nicht so klein war wie wir dachten.

El Castillo von oben

Da wir jetzt wussten, dass es noch mehr als diese eine Touristenstraße gab, gingen wir los um auch den Rest zu erkunden. Dabei begegnete uns ein Deutscher, der von “dem besten Eis seines Lebens” schwärmte, das es einen Block weiter gab. Es handelte sich dabei um ein Eis aus Milch und Zimt (in Form eines Plastikbechers, da es in jenem hergestellt wurde). Ich mochte es schon, aber mein Lieblingseis wurde es nicht. Dann gingen wir die Feldwege weiter und entfernten uns immer mehr von dem Fluss. So befanden wir uns bald zwischen bunten Holzhäusern, Hühnern und Schweinen, spielenden Kindern, lethargischen Alten auf staubigen Straßen, die mit Müll gesäumt waren.

Eine Huette mit aufgehaengter Waesche und einem Hasen daneben

Je mehr wir mit tropfendem Eis und klebrigen Händen weiter ins Dorf hineingingen, wurden wir mehr und mehr angestarrt. Da es bald dunkel wurde und wir noch eine Verabredung mit einem Nicaraguaner hatten, kehrten wir schließlich um. Außerdem hatten wir den Eindruck, dass wir als Touristen nicht überall willkommen waren.

Das umweltbewusste Restaurant

Bevor wir den Nicaraguaner namens Toni (fiktiver Name) trafen, der mit uns essen gehen wollte, ging ich schlafen. Die letzte Nacht, die ich im Regenwald verbracht hatte, war alles andere als erholsam gewesen. Um 19 Uhr wurde ich wach und meine Freundin teilte mir mit, dass Toni schon da sei. Wir waren eigentlich um 21 Uhr verabredet. Aber aufgrund dessen, was ich von El Castillo gesehen hatte und aus Erfahrung wie Dorfleben sein kann, war ihm sicher langweilig gewesen und hatte es nicht erwarten können, mit drei Deutschen essen zu gehen. So machten wir uns schließlich noch vor 20 Uhr auf den Weg zu einem Restaurant, von dem Toni schwärmte. Der Besitzer sei “gay” und “de buena onda” (gut drauf), meinte er. Da Nicaragua ein sehr katholisches Land ist, war das für Toni, der ursprünglich aus der Hauptstadt Managua kam, wohl erwähnenswert. Toll fand Toni auch, dass man sich im Restaurant Musik wünschen konnte.

Als wir ankamen, war das Restaurant bis auf zwei weitere Gäste leer. Es sah ein wenig schöner und westlicher aus als die üblichen Lokale der Einheimischen. Es lief elektronische Musik mit englischem Gesang und wir wurden sofort zuvorkommend bedient. In der Speisekarte fanden wir viele vegetarische und vegane Gerichte. Und die Preise waren recht hoch.

Der Früchte-Smoothie, den ich mir bestellte, schmeckte nach Gemüse und war ungesüßt.

Als der Kellner mir den Smoothie brachte, betonte er zudem, dass hier keine Strohhalme verwendet werden. Das fand ich gut. Naturbelassen, größtenteils fleischlose Gerichte, hippe Musik und umweltbewusst – dieses Restaurant hielt sich an den westlichen Geist der Zeit. Es überraschte mich aber. Damit hatte ich in El Castillo nach allem, was ich gesehen hatte, nicht gerechnet. Zumal sich dieses Restaurant abseits der Touristenstraße befand.

Das vegetarische Essen war in Ordnung, doch die Stimmung etwas seltsam. Toni nahm nicht nur einen immer alkoholisierteren Zustand an, sondern wollte mit uns Deutschen auch etwas prahlen hatte ich das Gefühl. Er ließ den Kellner oft an den Tisch kommen, um sich ein neues Lied zu wünschen und ich merkte ihm an, dass er es genoss den Großen spielte, was der Kellner genervt hinnahm.

Zu uns hingegen blieb der Kellner freundlich. Er kam letzten Endes so oft zu uns, um die Wasserränder vom Tisch wegzuwischen, dass wir daraus ein Trinkspiel machten. Immer wenn er kam, tranken wir etwas von unserem Bier.

Den Restaurantbesitzer bekamen wir nur wenig zu sehen, er hielt sich in dem hinteren Teil des Restaurants auf. Doch er kam einmal an unseren Tisch, um uns zu begrüßen und fragte, ob wir uns fotografieren lassen würden. Wir stimmten höflich zu. Ein bisschen internationale Publicity konnte dem Restaurant sicher nicht schaden.

Unter Einheimischen

Nach dem Abendessen wollten wir tanzen oder zumindest ausgehen, wie man es hier so tat. Doch Toni konnte uns keine gute Location sagen, da es auch Sonntag war. Wir landeten letzten Endes in einer Bar, die sich auf einer Veranda im ersten Stock befand. Oben angekommen voller Neugier und positiver Erwartung, weil ich Latino Musik vernommen hatte, wurde meine Vorfreude schnell gedämpft. Es war schon dunkel und die spärliche, elektrische Beleuchtung ließ die Bar etwas zwielichtig erscheinen. Das hatten wir von der Straße unten aber nicht sehen können.

Normalerweise mochte ich es immer, mich unter Einheimischen aufzuhalten.

Doch wie schon am Tag während der Entdeckungstour, bekam ich ein wenig das Gefühl, dass uns Misstrauen und Nicht-Willkommen-sein entgegenkamen. Als wir Getränke bestellten, wurde das Gefühl aufgrund der Barkeeperin nur noch verstärkt. Lustlos und unfreundlich bediente sie uns. Die Musik war laut, wir saßen im fast dunklen an einem Tisch und das Bier steigerte die Stimmung nicht, sodass meine Freundinnen bald nach Hause gingen.

Ich blieb noch etwas mit Toni, der jetzt so betrunken war, dass ich mir wünschte, er hätte gar nichts getrunken. Nachdem, was er mir erzählt hatte und wie er sich verhielt, hatte ich festgestellt, dass er eine etwas verirrte Seele war.

Er sagte mir, dass er sein Leben ändern wolle. Mit Gottes Hilfe.

Ich sagte ihm, dass er für eine Veränderung aber auch wirklich selbst etwas tun muss.* Er erzählte mir dann, dass er nach Costa Rica auswandern wolle, ohne seiner Familie etwas davon zu sagen. Irgendwie tat er mir leid.
Auf einmal erschien der Kellner aus dem Restaurant von vorhin. Toni zeigte auf den Tisch, an den der Kellner sich setzte, und sagte abwertend, dass diese Leute oft Ecstasy nehmen. Und dass überhaupt die Menschen hier viele Drogen nehmen. Mein Eindruck des ganzen Ortes wurde dadurch nicht besser, aber es war mir nicht neu, dass Dorfbewohner zu Drogen greifen. Ich schaute mir die Menschen, hauptsächlich Männer, an, die sich mit zusammengezogenen Köpfen unterhielten und teilweise sehr viele Bierflaschen auf ihren Tischen stehen hatten. Niemand tanzte oder lachte. An einem Tisch wurden Karten gespielt. Die Stimmung war irgendwie nicht heiter. So beschloss ich, sobald mein Bier leer war, aufzubrechen.

Während ich die Umgebung weiter beobachtete, entdeckte ich plötzlich ein Schild über der Bar, auf dem eine durchgestrichene Waffe und die Worte NO GUNS abgebildet waren.

Sollte ich vielleicht besser sofort gehen? Ich war leicht überrascht, ein wenig erschrocken und musste innerlich lachen. Wo war ich hier gelandet?

Schließlich war mein Bier leer und länger wollte ich nicht bleiben. So machte ich mich auf den Weg zu meinem Hostel und kehrte in die Touristenstraße mit den vielen Restaurants, Hostels und Tourguide-Angeboten zurück. Hier fühlte ich mich gleich viel wohler. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich auf Reisen einen Aufenthalt in der Touristengegend bevorzugte.

 

*Nachtrag: “Gracias a dios” (Dank Gott) hatte sich eine Möglichkeit für Toni ergeben, in die USA zu gehen, schrieb er mir ein halbes Jahr später. Nachdem er in Costa Rica in Minen gearbeitet und einiges an Geld verdient hatte, konnte er mit seinem Vater auswandern. Das freute mich irgendwie total, denn es zeigte mir, dass er mit seinem Glauben sein Leben wirklich verändert hatte und Gutes kommt, wenn man an Gutes glaubt.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.