Introvertiert und hochsensibel reisen

Es gibt Menschen, die von Unternehmungen und anderen Menschen schnell ausgelaugt sind, gerne Zeit für sich haben und sich allein wenig langweilen. Es gibt außerdem Menschen, die manchmal regelrecht von ihren Gefühlen überwältigt sind, Stimmungen wahrnehmen und sehr einfühlsam und empathisch sind. Vielleicht hast du dich jetzt wiedererkannt? Glückwunsch, dann gehörst du wahrscheinlich zu den hochsensiblen, introvertierten Menschen auf dieser Welt. Das ist nichts Schlimmes, aber gut zu wissen. Und für diejenigen, die es nicht sind, ist es auch gut zu wissen, dass es solche Menschen gibt.

Ein kurzer Überblick über Introversion und Hochsensibilität

Introvertierte sind die in Gruppen ruhigen, nicht immer besonders gesprächigen Menschen, die aber im Zweiergespräch, wenn sie sich wohlfühlen, in einer Tour reden können. Rein biologisch betrachtet und einfach gesagt, sind Introvertierte diejenigen, die unter Menschen Energie verlieren und alleine in der Ruhe ihre Energie wieder aufladen.

Hochsensible Menschen sind die, die sich oft viele Gedanken um alles Mögliche machen. Die mehr empfangen und tief spüren und daher oft unter die Kategorie “people pleaser” oder die mit dem Helfersyndrom fallen, weil sie, wenn ungefestigt, emotional von anderen Menschen abhängen. Geht es einer anderen Person schlecht, dann spüren sie das und dann geht es ihnen auch schlecht (wenn ungefestigt). Und dann setzen sie alles daran, dass es der anderen Person wieder gut geht. Muss nicht immer so sein, aber es kommt vor. The struggle is real. Das schöne an der Hochsensibilität ist aber die Kreativität und das Mitgefühl, was damit leicht einhergeht. Das tiefe Fühlen und Spüren und dadurch sind Hochsensible oft helfende Menschen, in welchem Sinn auch immer.

Wie immer beinhalten diese Wesensarten eine große Reihe an verschiedenen Merkmalen und Ausprägungen, worauf ich jetzt nicht weiter eingehe. Wenn dich das Thema mehr interessiert und du wissen möchtest, ob du introvertiert und/oder hochsensibel bist, dann kannst du zum Einstieg einen Test machen (Test zur Introversion in Englisch / Test zur Hochsensibilität).

Auf Introversion und besonders Hochsensibilität wird in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit gelegt, was sehr gut ist, da sich viele mit introvertierter oder hochsensibler Veranlagung ohne Wissen darüber oft falsch fühlen oder sich zu viel zumuten und anpassen in unserer eher extrovertiert geprägten Gesellschaft.

Letzteres traf auf jeden Fall auf mich zu und ich wurde erst mit 22 Jahren darauf wirklich aufmerksam und konnte mich daraufhin besser verstehen und annehmen wie ich bin. Hochsensibilität ist angeboren, es liegt in der Natur eines Menschen und kann nicht abgestellt werden.

Aber genug der Vorrede. In diesem Artikel soll es ums Reisen gehen und wie ich mit meiner Wesensart auf Reisen klarkomme.

1. Genug Ruhe gönnen

Ruhe ist ein absolutes Muss, wenn ich unterwegs bin. Wenn ich sie nicht genug bekomme, dann kann das im schlimmsten Fall sogar gesundheitliche Folgen haben.

Vor einer persönlichen Krise hatte ich mich und meine Bedürfnisse gut im Griff (bzw. gut ignoriert) und es hat länger gedauert bis ich überstrapaziert war. Heute brauche ich wirklich ab und an Ruhe und das muss ich von meinen Reisegefährten auch einfordern.

Wenn ich mir nämlich keine Auszeit nehme, dann endet das in schlechter Laune. Ich stelle mir immer vor, wie ich einen Energielevel habe, so einen Balken wie bei Sims, und wenn der auf 0 zugeht, dann habe ich richtig schlechte Laune und kann Menschen nicht ausstehen. Andere Hochsenisble fühlen sich auch auf einmal überfordert oder sind gereizt, was sich auf unterschiedlichen Wegen bemerkbar machen kann. Also achte auf dich und dein Energielevel und ruhe dich genügend aus. Alles andere macht sonst keinen Spaß mehr und das wäre doch schade, wenn du gerade auf Reisen bist.

2. Liebevoll mit sich sein und NEIN sagen

Auf Reisen geht es auch viel um Socializing, besonders wenn du allein unterwegs bist. In Hostels oder durch Couchsurfing bin ich öfter in Gruppen geraten, was auch wirklich cool ist, um etwas zu unternehmen, aber ich brauche gar nicht mehr versuchen mit den Partymenschen mitzuhalten.

Auch nach mehreren Tagen unterwegs sein oder wenn viel an einem Tag auf dem Programm stand, musste ich erst lernen, nein zu sagen, wenn ich gefragt wurde, ob ich noch mit wohin möchte. Ich war damals deswegen oft frustriert und habe mich geärgert, weil mein Kopf unbedingt rauswollte, Menschen kennenlernen und Spaß haben wollte, aber mein Körper und mein Gemütszustand eben nicht. Gerade im letzten Urlaub mit meinen Schwestern habe ich mich manchmal als Spielverderberin und unausstehlich empfunden wegen meiner schlechten Laune und meines Rückzugs. Aber meine Schwestern versicherten mir, dass sie mich trotzdem liebhaben. Dafür war ich sehr dankbar und erkannte, dass ich mich selbst in solchen Momenten auch lieber liebhaben sollte, als mich zu verurteilen.

3. Menschen kennenlernen – Sei du selbst

Erlaube dir, du selbst zu sein und zu deiner Natur zu stehen. Früher wollte ich immer einen guten Eindruck machen und mich mit allen verstehen. Ich mochte es gar nicht, wenn Leute mich als zu still bezeichnet haben oder mich womöglich langweilig fanden, weil ich schweigsamer war. Deswegen habe ich mich manchmal verstellt oder es zumindest versucht. Aber das ist auf Dauer ziemlich anstrengend und auch nicht Sinn meines Wesens.

Sei du selbst! Man muss nicht immer laut und unterhaltsam sein, um interessant zu sein. Ich finde die Menschen, die eine entspannte Gelassenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen, am interessantesten. Und es spielt dabei keine Rolle wie laut oder leise die Person ist. Aber da ist natürlich auch jeder verschieden. Extrovertierte brauchen einfach mehr Input, aber dafür können sie sich dann mit anderen Extrovertierten austauschen, wenn es sein muss.

Und außerdem: Nur, wenn du dich nicht verstellst, ziehst du die Menschen an, die wirklich zu dir passen. Und das ist schließlich das, was wir am Ende wollen, oder?

4. Geld ausgeben für mehr Komfort

Von A nach B zu reisen kann sehr anstrengend sein für sensible Menschen. Egal ob fliegen oder mit dem Bus/der Bahn: Überall sind andere Menschen, auf den öffentlichen Plätzen geht es oft hektisch zu und es herrscht selten eine angenehme und entspannte Stimmung. So viele Reize! Die können einen wie eine Welle überschwappen und überfordern, wenn man nicht aufpasst und vielleicht sowieso gerade nicht so fit ist.

Zudem kann das auch schon mal zur Reizüberflutung führen, besonders in Ländern, wo jegliche Spur von der deutschen Ordnung und Sauberkeit fehlt. (Ich weiß, das ist übertrieben, aber alles ist relativ und in Deutschland ist der Standard eher hoch.) Für mich gibt es daher nichts Besseres, als dass ich mich dann wenigstens in der Bahn/dem Flugzeug einigermaßen wohlfühle, wofür ich dann aber mehr zahlen muss. Dies ist bei mir zwar jetzt noch nicht so oft vorgekommen – ich war jung und Studentin. Aber schon immer habe ich lieber ein Taxi als einen Bus genommen oder mehr Geld für ein Privatzimmer im Hostel als für ein Dorm ausgegeben. Mittlerweile habe ich einfach festgestellt, dass ich meine Ruhe und Komfort dem Geld ein kleines bisschen mehr vorziehe, zumindest, wenn ich genügend Mittel habe.

Wie ist das bei dir? Machst du irgendwelche Maßnahmen oder sagst du dir unterwegs Augen zu und durch?

Nimm dich an und achte auf dich

Ruhe gönnen, Grenzen setzen, sein, so wie man ist – Das alles sind Dinge, die ich letzten Endes jedem ans Herz lege (Stichwort Selbstliebe). Dennoch ist das besonders bei introvertierten und hochsensiblen Menschen ein wichtiges Thema, da wir wie gesagt in einer lauten Gesellschaft leben, die uns vorzeigt, dass wir uns nicht so anstellen sollten. Schließlich kommen die meisten Menschen scheinbar damit klar (und unscheinbar sind oft alle die, die es nicht tun und deswegen zuhause bleiben).

Ich denke, es ist wichtig, sich erst einmal einzugestehen, als introvertierter oder sensibler Mensch bestimmte Grenzen und Voraussetzungen zu brauchen, um sich wohlzufühlen und gut zu funktionieren. Und dann kannst du aktiv etwas für dich tun. Mit dieser Einstellung kannst du dann auch an die verrücktesten Orte reisen oder dich zu den buntesten Events begeben, da bin ich mir sicher, solange du weißt, was du brauchst.

Bon voyage und pass auf dich auf!

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