Zwischenstopp Colon in Nicaragua – Angst in der Fremde (Teil 2)

Es läuft nicht immer alles wie geplant, das kennst du sicher auch. Und dieses Mal packte mich die Angst, nachdem wir den Plan geändert hatten. Dies ist Teil 2 meines Aufenthalts in Colon und eine Geschichte über Angst vor dem Fremden.

Warum wir in Colon landeten und wie unsere Ankunft verlief, kannst du in Teil 1 lesen.

Wir fuhren mit dem Boot in eine Mündung Richtung Herberge, wo uns ein sumpfiges Ufer erwartete, an dem sich weiße Vögel zwischen Schilfstauden bewegten und an das wir anlegten. Die Sonne schien mir ins Gesicht und 50 Meter vom Ufer entfernt sah ich ein großes, dunkelgrünes Holzhaus – die Herberge. Sie stand auf sandigem Boden und war von wildwachsenden Büschen und Bäumen umgeben.

Jetzt fehlte nur noch, dass ein Nilpferd aus dem Wasser auftauchte.

So anders und „wild“ kam mir die Szenerie vor. Meine Fantasie machte sich bemerkbar.

Das Boot hielt an und wir stiegen aus. Mit zielstrebigen Schritten ging ich zur Veranda der Herberge. Denn die Hitze allein war schon kräftezehrend, mein Backpack war außerdem schwer und ich wollte einfach nur an einem sicheren Ort ankommen. Wie sicher der Ort hier war, fragte ich mich allerdings, als ich an einer vertrockneten Schlangenhaut, die auf dem Boden lag, vorbeiging.

In der Herberge

Der Bootsmann begleitete uns und so betraten wir vier die große, überdachte Veranda, auf der mehrere Nicaraguaner beisammensaßen, sich unterhielten und tranken. Auch hier wurde gefeiert und es lief laute Musik. Als wir den Tresen erreichten, sah uns die Gastwirtin mit verkniffenem Gesicht und abweisendem Blick an und unterhielt sich dann mit dem Bootsmann, der uns daraufhin mitteilte, dass die Herberge komplett belegt war. Und jetzt? Ich wollte nicht zurück. Niemand wollte zurück.

Meine Freundin fragte, ob wir nicht einfach auf Stühlen hier auf der Veranda schlafen könnten.

Die Wirtin verneinte, da es bis um 3 Uhr nachts wohl laut sein würde. Der Bootsmann sprach weiter mit ihr und auch ihrem Mann, dem Wirt, ein großer Nicaraguaner mit vergnügten Augen und Schnauzer. Sie sagten schließlich, dass sie uns für 100$ nach Rivas, unserem Zwischenziel, fahren könnten. Da sagte ich sofort zu, mir waren die Kosten egal. Ich wollte nur weg von hier. Auch meine Freundinnen stimmten zu. Daraufhin verschwand der Wirt um ein Auto zu holen.

In der Zwischenzeit fragte uns ein anderer Mann, der sich als Bruder des Wirtes hinausstellte, woher wir kämen und sprach halb auf Englisch und halb auf Spanisch, was es schwer machte, ihn zu verstehen. Ich fühlte mich nicht wohl, versuchte aber mir nichts anmerken zu lassen. Ich hielt dann noch Ausschau nach dem Boostmann, von dem ich mich für die Umstände eigentlich herzlich bedanken wollte, aber er war auf einmal verschwunden.

Die Fahrt mit Fremden

Schließlich kam der Wirt wieder und es ging los. Die Backpacks wurden hinten auf einen Pick-up Truck geladen und ich setzte mich nach vorne zum Fahrer. Und auf einmal hatte ich Angst. Wir kannten den Fahrer schließlich nicht. Es war ein dickerer Nicaraguaner mit Cap und trägem Blick. Ich überlegte, ob es sinnvoll wäre, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Doch ich musste mich zu sehr darauf konzentrieren, nicht in Panik zu geraten. Ich schrieb meiner Mutter mit dem Handy meiner Freundin eine SMS, mit den Infos, wo wir waren, wohin wir wollten und dass ich mich bis dann und dann melden würde. Falls nicht, dann sollte sie sich Sorgen machen. Das schrieb ich aber nicht. Ich ärgerte mich, dass ich kein Guthaben mehr auf meinem Handy hatte. Das war an meinem Geburtstag auf der Solentiname Insel leider komplett draufgegangen.

Die Fahrt war noch nicht losgegangen, als meine Freundinnen, die hinten saßen, sagten, dass, wenn etwas passieren sollte, wir immerhin zu dritt wären und den Fahrer überwältigen könnten.

Ich war also nicht die einzige, die sich Sorgen machte.

Dann sprangen plötzlich hinten zwei weitere Männer in den Pick-up Truck und vorbei es wich die letzte innere Ruhe aus mir. Mein Verstand war jetzt hellwach, ebenso wie meine Angst.

Die beiden Männer hinten waren der Wirt mit den vergnügten Augen und einer, den wir zuvor nicht gesehen hatten. Dieser war jünger, sah dem Wirt ähnlich und war wahrscheinlich sein Sohn. Also alles halb so schlimm, oder?

Äußerlich blieb ich ruhig. Meine Freundinnen sagten auch nichts mehr und die Fahrt begann. Hoffentlich bemerkt der Fahrer unsere Angst nicht, dachte ich. Ich zumindest konnte die Anspannung, die in der Luft lag, spüren. Alle schwiegen. Und das fast die ganze Fahrt über.

Ich fing an, alles ganz genau zu beobachten. Es ist interessant, wie sehr ich durch meine Angst präsent und aufmerksam wurde.  Ich beobachtete die beiden Männer hinten in dem Pick-Up-Truck. Aus dem Augenwinkel nahm ich den Fahrer, wahr der manchmal mit seinem Handy zugange war. Und ich wurde auf einen Motorradfahrer aufmerksam, der mir verdächtig vorkam, weil er am Wegesrand stand und sein Helm aufsetzte, als wir an ihm vorbeifuhren.

Ich suchte nach Anzeichen, dass meine Angst berechtigt war oder eben nicht.

Denn innerlich sprach meine Angst mit immer wiederkehrenden Gedanken in meinem Kopf:

Was ist, wenn sie uns entführen? Und Lösegeld haben wollen?

Wissen sie woher wir kommen? Mike wurde doch auch mal in Kolumbien entführt…

Oder was, wenn sie uns irgendwo aussetzen und uns ausrauben oder Schlimmeres?

Augen lügen aber nicht, der Wirt tut sicher nichts Böses. Oder?

Wenn ich das überlebe, mache ich so etwas nie wieder.

Wenn ich das überstehe, dann mache ich einen Selbstverteidigungskurs.

Und warum habe ich kein Internet? Ich muss immer genügend Geld auf meinem Handy haben.

Mein Bauchgefühl hat aber nicht Alarm geschlagen, oder? Nein, alles ist gut.

Der Bootsmann und seine Familie wissen auch, wo wir sind und wer uns fährt.

Ich habe einfach zu viele Drogen- und Actionfilme geguckt. Das ist alles halb so schlimm.

Ich kann meiner Familie nichts davon erzählen.

Als unser Fahrer schließlich telefonierte und sagte, dass wir gleich kommen, bekam ich nochmal einen Schreck. Wir hielten bald darauf an einem Haus an, aus dem ein großer Mann mit einem Kanister kam und sie tankten das Auto. Achso gut. Dann fuhren wir weiter und ich war beruhigt. Meine Angst wich letzten Endes auch, denn wir mussten bald da sein. Es war bisher nichts passiert und würde es jetzt vermutlich auch nicht mehr.

Schließlich erreichten wir dann wieder eine zivilisiertere Gegend, von der ich schon die Ometepe Insel mit ihren Vulkanen sehen konnte. Und neben der Straße, auf der wir fuhren, erschienen auf einmal große Windräder in meinem Blickfeld, die mich an meine Heimat in Schleswig-Holstein erinnerten.

Ich bekam ein heimisches Gefühl und war so erleichtert, die Vulkane und die Windräder zu sehen.

Wir hatten es überstanden und es kehrte endgültig wieder innerer Frieden ein.

Rivas bzw. San Jorge, von wo die Fähre zur Ometepe Insel abfuhr, hatten wir schließlich nach zwei Stunden Fahrt erreicht.

In San Jorge

Ich glaube, ich hatte noch nie so viel und so lange Angst während ich unterwegs war. Es war die Angst vor dem Fremden, das ja auch potenzielle Gefahr beinhalten kann und daher ganz normal ist. In so einer Situation zu sein, war jetzt im Nachhinein mal ganz interessant. Aber noch einmal möchte ich mich nicht so fühlen.


Was habe ich daraus gelernt?

  1. Auf Reisen besser zu planen und Feiertage zu beachten (es war alles nur so kompliziert, weil die Semana Santa war)
  2. Nicht zu lange an einem kleinen Ort zu verweilen (das bezieht sich auf die Solentiname Insel, von der wir am Ende weg wollten)
  3. Immer genug Guthaben auf dem Handy zu haben
  4. Als Reiseziel keine touristisch unerschlossenen Dörfer in Erwägung ziehen (außer ich kenne dort jemanden oder kann vorher im Internet etwas über sie herausfinden)

Hattest du auch schon einmal solche Angst als du unterwegs warst?

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